Das war die ÖKOBÜRO-Energiekonferenz "Ein neues Stromsystem für die Energiewende"

Foto: ÖKOBÜRO

Am 17. Oktober 2013 diskutierten VertreterInnen von Stromwirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft auf Einladung von ÖKOBÜRO über das Thema  "Ein neues Stromsystem für die Energiewende". Mehr als 120 TeilnehmerInnen tauschten unter Moderation von Johannes Kaup einen Tag lang konstruktiv Problemstellungen und Lösungsansätze aus: Wie vermeiden wir, dass zusätzliche Stromleitungen die einzige Antwort der Netzbetreiber auf die benötigten Transportkapazitäten bilden? Welche technischen und organisatorischen Lösungen holen mehr als bisher aus der vorhandenen Infrastruktur heraus? Wie binden wir die Öffentlichkeit so ein, dass der Umbau des Stromsystems allgemein akzeptiert wird?

 

Der Leitgedanke dieser Veranstaltung war es, Netzbetreiber, Ökostrombetreiber, Industrie, Verwaltung, Politik und Umwelt-NGOs sowie Bürgerinitiativen zusammen zu bringen. Der Austausch ihrer jeweils sehr unterschiedlichen Probleme und Standpunkte sollte neue Perspektiven eröffnen und damit ein größeres Verständnis für die Probleme und Vorstellungen anderer Gruppierungen generieren. Denn durch dieses gegenseitige Verständnis können künftig Konflikte vermieden und so der Weg in eine nachhaltige und ökologische Stromzukunft erleichtert werden. Alle Videos zu Keynotes, Vorträgen und Diskussionen finden Sie hier.

 

 

Eröffnung:
Thomas Alge und Georg Kapsch


Zu Beginn der Veranstaltung erörterte ÖKOBÜRO-Geschäftsführer Thomas Alge die zentralen Fragen unserer Allianz der Umweltbewegung, der unter anderem Greenpeace, GLOBAL 2000, WWF und das Klimabündnis angehören: Welchen Netzausbau braucht die Energiewende tatsächlich, wieviel Netzausbau ist vertretbar und wie sehen mögliche Alternativen aus? Um diese Fragen zu klären und einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber zu erzielen, forderte er die konsequente Umsetzung von Strategischen Umweltprüfungen (SUP) am Runden Tisch. Energiewirtschaft, Verwaltung und Umweltorganisationen sollten so die Grundlage für die Neuentwicklung des Stromnetzes liefern.

 

Der zweite Eröffnungsredner, der Vorstandsvorsitzende der Kapsch AG und Präsident der Industriellenvereinigung Georg Kapsch, betonte hingegen vor allem den Wert einer sicheren und leistbaren Energieversorgung für den Wirtschaftsstandort Europa. Österreichs Industrie sei bereits überdurchschnittlich effizient, trotzdem sei es das deklariertes Ziel auch bei weiterem Wachstum absolut weniger Energie zu verbrauchen. Auch wenn er so manche Frage anders beurteile, freue er sich, dass ÖKOBÜRO mit der Industrie in einen Dialog trete, um konkrete Lösungen zu finden.

 

Keynotes:
Martin Graf und Hubert Fechner


Die erste Keynote zu den Chancen der Energiewende in Österreich (Download Präsentation) hielt der Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control Austria Martin Graf. Auch Graf betonte, dass Energie ein europäisches Thema sei. Die verschiedenen Länder hätten jedoch unterschiedliche Voraussetzungen und Ziele bei Energie und Strom im Speziellen. Es brauche daher eine abgestimmte europäische Energiepolitik, aus der einzelne Staaten nicht kurzfristig ausscheren dürften. In Folge bot Graf einen Überblick über die Entwicklung des Ökostromanteils in Österreich und stellte die – anschließend heftig diskutierte – Frage in den Raum, ob die Förderung Erneuerbarer Energie reformiert werden solle.

 

Weniger kontrovers wurde die zweite Keynote aufgenommen. Hubert Fechner, Leiter des Instituts für Erneuerbare Energie der FH Technikum Wien, sprach darüber, wie die Energiewende unser Energiesystem verändern werde (Download Präsentation). Laut Fechner seien Windkraft und Photovoltaik europaweit die am raschesten wachsenden Stromerzeugungsmethoden. Angela Merkel hätte hingegen 1994 als damalige Umweltministerin prophezeit, dass Sonne, Wind und Wasser nie mehr als 4 Prozent des deutschen Strombedarfs decken könnten. Dieser Aussage von vor 20 Jahren stellte Fechner das neue Ziel der deutschen Bundesregierung gegenüber: 80 % Ökostrom bis 2050. Dass dieses Ziel erreichbar ist, belegte er gleich im Anschluss: Am 16. Juni 2013 hätten deutsche Windkraft- und Photovoltaikanlagen 61 % des landesweiten Bedarfs produziert – die gleiche Menge, die etwa 25 Atomkraftwerke erzeugt hätten. Eine Replik auf Grafs Vorschlag, mehr Wettbewerb in die Förderung der Erneuerbaren zu bringen, lieferte Fechner mit dem Hinweis, dass europaweit Atomkraft und fossile Energieträger dreimal so stark gefördert würden wie Erneuerbare.

 

v.l.n.r.: Moderator Johannes Kaup, Ulfert Höhne (Greenpeace Energy eG), Helfried Brunner (AIT), Walter Tenschert (Netz OÖ GmbH)

Das Stromsystem der Zukunft:
Ulfert Höhne, Helfried Brunner und Walter Tenschert

 

Im ersten Inputreferart über das Stromsystem der Zukunft (Download Präsentation) forderte Ulfert Höhne, designierter Vorstand der Hamburger Ökostromgenossenschaft Greenpeace Energy eG, vor allem mehr Mut im Zusammenhang mit der Energiewende. Es gebe bereits heute Ideen und Startup-Unternehmen, die konkrete Chancen wahrnehmen würden. Höhne zog den Vergleich mit einem Korallenriff. Dort sei das Wasser unglaublich rein, weil jede Fischart eine andere Nische besetze um Nährstoffe aus dem Wasser zu filtern. Genau diese Vielfalt bräuchte auch die Energiewende. Es sei nicht die eine große neue Lösung gefragt, sondern zahlreiche Maßnahmen, die für sich betrachtet nur einen kleinen Teil abdecken, aber zusammen das neue Energiesystem bilden würden. So könne eine solare Zukunft entstehen, in der mit Hilfe technischer Lösungen moderne und saubere Städte mit effizienten Industrien blühen.

 

Helfried Brunner vom Austrian Institute of Technology (AIT) präsentierte die Ergebnisse, die die Forschung bereits aus der Praxiserprobung von Smart Grids gewinnen konnte (Download Präsentation). Bei Smart Grids wird mit Hilfe von Messungen und intelligenten Steuerungen die verfügbare Kapazität von Stromleitungen erhöht. Auf diese Weise können Netzausbauten vor allem im Nieder- und Mittelspannungsnetz teilweise vermieden werden - trotzdem ist der Anschluss zusätzlicher Ökostromanlagen weiterhin möglich. Die in Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich eingerichteten Modellregionen bewähren sich in der Praxis tadellos. Ohne Neubau konnten dort die Leitungskapazitäten für zusätzliche Ökostromeinspeisungen gehoben werden. Je nach untersuchter Problemlage konnten die Kosten zwischen 5 und 80 % gegenüber dem klassischen Leitungsbau reduziert werden. 

 

Zwar grundsätzlich positiv, aber doch etwas nüchterner betrachtete Walter Tenschert, Geschäftsführer der Netz OÖ GmbH die Ergebnisse des AIT in der oberösterreichischen Modellregion (Download Präsentation). Die Netz OÖ ist vor allem mit hoher Photovoltaik-Einspeisung im ländlichen Niederspannungsnetz konfrontiert. Die Gefahr zu hoher Spannung gelte es zu minimieren. Dazu brauche es einen ganzen „Bauchladen“ an Lösungen, da die einzelnen Netzabschnitte sehr unterschiedlich seien. Die verschiedenen Smart Grid-Technologien könnten dabei gute Beiträge leisten – allerdings seien sie heute noch zu wenig robust und zudem teurer als der konventionelle Netzausbau.  Sie bräuchten noch Zeit, um beständiger und wirtschaftlicher zu werden. Allerdings habe man in der Modellregion festgestellt, dass ein sehr hohes Potential in der Vermeidung von extremen Stromlasten liege. Bei Bedarf könne man – wenige Stunden im Jahr – die Einspeisung von  Photovoltaikanlagen begrenzen. Der Verlust an Jahresenergie läge bei wenigen Prozentpunkten. Dieser Weg sei aber derzeit noch nicht durch das Regelwerk der E-Control Austria gedeckt.

 

Planung und Akzeptanz:
Christian Schober, Christoph Schuh und Kerstin Arbter

 

Christian Schober, Geschäftsführer der Kapsch Smart Energy, präsentierte Smart Meter als ein Werkzeug, das intelligente Stromlösungen im Haushalt ermögliche und dank Laststeuerung das Stromnetz entlasten könne (Download Präsentation). Denn nicht nur die Einspeisung von Windkraft und Photovoltaik hänge an den Wetterbedingungen, auch die Lastprofile der Haushalte würden sich mit Voranschreiten der Elektromobilität zunehmend verändern. Daher müssten intelligente Systeme die Energie möglichst ressourcenschonend verteilen. Zudem seien die Netzbetreiber derzeit im Niederspannungsbereich im Blindflug unterwegs. Stromausfälle könnten erst dann bemerkt werden, wenn die KundInnen das meldeten. Mit Smart Metern erhielte das System eine höhere Transparenz und Störungen könnten sofort registriert werden. Zugleich käme diese Transparenz auch den Haushalten zu Gute, da sie jederzeit ihren tatsächlichen Stromverbrauch im Blick behielten. Die vor einiger Zeit noch sehr großen Ängste bezüglich des Datenschutzes hätten sich zum Glück wieder stark gelegt, da die in Österreich geltenden Rechtsvorschriften sehr streng seien.

 

Für den Leiter der Strategic Affairs beim Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) Christoph Schuh täte es dem Gesamtstromsystem gut, wenn alle Beteiligten einen Blick auf das Ganze werfen und ihre Rollen darin analysieren würden. Denn die APG sei für das Funktionieren dieses Systems gesetzlich letztverantwortlich, müsse aber dabei auf Entscheidungen reagieren, die andere Beteiligte fällen (Download Präsentation). Zudem sah Schuh ein Problem darin, dass es in der Vergangenheit nicht gelungen sei, den Menschen die Zusammenhänge im System näher zu bringen. Die Folgen seien mangelnde Akzeptanz für Infrastrukturvorhaben und ein entsprechender Widerstand in der Bevölkerung. Daher müssten Projektbetreiber neue Wege gehen. Man dürfe nicht hoffen, dass Pläne möglichst lange unentdeckt bleiben, sondern müsse sie öffentlich diskutieren, ja sogar gemeinsam entwickeln, sodass im Anschluss ein für alle zufriedenstellender Konsens erreicht würde. Die APG fordert daher einen Masterplan Strominfrastruktur, der unter breiter Stakeholder- und Öffentlichkeitsbeteiligung entworfen werden soll. Dabei seien gemeinsam Ziele zu definieren sowie Projekte, die für deren Erreichung notwendig seien. Dieser Prozess solle darüberhinaus alle fünf Jahre wiederholt werden.

 

Die Landschaftsplanerin Kerstin Arbter präsentierte im Anschluss ein Konzept, das den Masterplan Strominfrastruktur in der Praxis umsetzen könnte (Download Präsentation). Arbter hat 1999 für den Abfallwirtschaftsplan der Stadt Wien die Umsetzung einer „Strategischen Umweltprüfung (SUP) am Runden Tisch“ entwickelt und in der Praxis durchgeführt. In dieser SUP sollte geklärt werden, ob Wien eine umstrittene dritte Müllverbrennungsanlage braucht, welche Kapazität diese haben, und welche Technologie zum Einsatz kommen soll. Ausserdem wurden mögliche andere Alternativen diskutiert. Dem SUP-Kernteam gehörten damals Beamte verschiedener Magistratsabteilungen, ÖKOBÜRO und einige andere Umweltorganisationen sowie neutrale ExpertInnen verschiedener Universitäten an. Auf Grundlage dieses SUP-Plans wurde später eine konkrete Projektplanung für die Müllverbrennungsanlage Simmering durchgeführt, die während der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) kaum noch Widerstand erzeugte. Alle strittigen Fragen waren in der SUP transparent geklärt worden. Seither wird diese Abfallwirtschafts-SUP alle fünf Jahre von der Stadt Wien durchgeführt und Kerstin Arbter konnte die Beteiligungselemente noch ausweiten und verfeinern. Sie ist davon überzeugt, dass man mit diesem Konzept auch Stromleitungsprojekte auf ihre Legitimität für die Energiewende prüfen und damit gegebenenfalls die Akzeptanz in der Bevölkerung heben kann.

 

Podiumsdiskussion:
Gerhard Christiner, Klaus Bernhardt, Walter Tenschert, Jurrien Westerhof und Reinhard Uhrig

 

In der abschließenden Podiumsdiskussion forderte APG-Vorstand Gerhard Christiner stärkeres systemisches Denken statt sektoralem Lobbying. So würde die APG auch bei erneuerbaren Großprojekten nicht in UVP-Verfahren eingebunden werden, obwohl sie den Strom abtransportieren müsse. Zudem betonte er, dass die APG ihre Planungen möglichst transparent mache und versicherte, dass am Ende des Leitungsumbaus weniger Masten als heute stehen würden.

 

Klaus Bernhardt, Vorstand der Technologieplattform Smart Grids, unterstrich, dass der intelligente Netzumbau mittel- bis langfristig günstiger käme als konventionelle Netzverstärkungen. Zudem könne die E-Control Austria Rahmenbedingungen für einen attraktiven Heimmarkt schaffen. So könne die österreichische Technologiewirtschaft zahlreiche neue Arbeitsplätze generieren.

 

Walter Tenschert, Geschäftsführer der Netz OÖ GmbH, forderte für Verteilnetzbetreiber von der E-Control Austria ebenfalls neue Rahmenbedingungen, die den veränderten Anforderungen gerecht würden. So seien viele Punkte im Zusammenhang mit Photovoltaik noch nicht klar genug definiert - in Deutschland sei dies bereits der Fall. Erst wenn dies auch hierzulande garantiert sei, könne man sich schließlich auf die eigentlichen Herausforderungen der Energiewende konzentrieren.

 

Der Geschäftsführer von Erneuerbare Energie Österreich, Jurrien Westerhof, betonte die Komplexität des Energiesystems. So könne Wien sehr viel von dem in der Ostregion erzeugten Windstrom verbrauchen, ohne dass dieser zu Pumpspeichern in den Alpen transportiert werden müsse. Allerdings würden vor allem im Winter die Wiener Gaskraftwerke laufen, da diese auch Fernwärme liefern. Außerdem sieht Westerhof ein hohes Potential der Laststeuerung in der Wirtschaft. Mindestens 250 MW könnten bei Bedarf zeitlich verschoben und so die Netze entlastet werden. Für die Umsetzung eines solchen Systems müssten zunächst die dafür notwendigen aber vergleichsweise geringen Investitionen getätigt werden.

 

Der Geschäftsführer von GLOBAL 2000 und ÖKOBÜRO-Vorstand Reinhard Uhrig stellte den Umweltaspekt der Energiewende in den Mittelpunkt. Im Kampf gegen den Klimawandel stünden die Umweltorganisationen hinter der Energiewende und auch dem dafür notwendigen Netzausbau. Dieser müsse jedoch transparent, umweltverträglich und effizient erfolgen. Um dies zu gewährleisten, müssten die Umweltorganisationen eine tragende Rolle bei der Energiewende spielen. Auch deshalb, damit die durch Private und Kleinunternehmen getragene dezentrale Energiewende von unten stärker zum Zug kommt als die Großprojekte etablierter Energieversorger.

 

Die Konferenz wurde abgehalten mit freundlicher Unterstützung des Lebensministeriums.

 

geändert am 03.11.2017