Industrie: Energiepreise irrelevant

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Dass Energiepreise für Industriestandorte meist irrelevant sind, davon gehen sowohl das Weltwirtschaftsforum als auch DIW aus. Ein Kommentar von Thomas Mördinger.

 

Die Europäische Union hat sich die Reindustrialisierung des Kontinents auf ihre Fahnen geheftet. Der Industrie-Anteil an der europäischen Wertschöpfung soll wieder steigen. Industrievertreter werden daher nicht müde, billige Energie zu fordern. Klimaschutz schön und gut, tönen sie, aber bitte nur auf internationaler Ebene. Europäische Alleingänge dürften nicht die Wettbewerbsfähigkeit schmälern. Andernfalls bliebe der Industrie nichts anderes übrig, als die Zelte abzubrechen und in Weltregionen mit billigerer Energie zu verlagern. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat sich die Argumente der Industrievertreter näher angesehen und kommt zu erstaunlichen Schlussfolgerungen.

 

Billige Energie hat keinen Einfluss auf Wettbewerbsfähigkeit der Industrie

 

In weiten Teilen der Industrie sind die Energiekostenanteile gering. Nimmt man jene Betriebe, die zusammen 92 Prozent der deutschen Industrie-Wertschöpfung erwirtschaften, so geben diese im Schnitt gerade einmal 1,6 Prozent ihres Umsatzes für Energie aus. Nur die restlichen 8 Prozent der Industrie haben Energiekosten jenseits von 6 Prozent des Umsatzes: Darunter finden sich etwa Stahl-, Zement- oder Papierhersteller. Die steuern aber gerade einmal 1,5 % zum BIP bei.

 

Dass sich diese Zahlen auch auf andere EU-Staaten übertragen lassen, beweist ausgerechnet der Blick auf eine Institution, die nicht gerade im Verdacht steht Klimalobbyist zu sein: das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF). Das WEF erhebt und vergleicht seit mehr als drei Jahrzehnten Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten. Dabei sind Energiepreise laut WEF kein relevanter Indikator der Wettbewerbsfähigkeit. Und damit an dieser Stelle keine Missverständnisse entstehen: Das WEF betrachtet Energiepreise nicht nur als zweitrangig, es misst ihnen überhaupt keine Bedeutung zu. Energiepreise sind im WEF-Wettbewerbsindex mit null Prozent berücksichtigt! Mit null!

 

Innovation entscheidet die Standortwahl!

 

Investitionen in Forschung und Entwicklung, Kooperationen zwischen Hochschulen, Wirtschaft und Industrie: DAS sind die entscheidenden Faktoren im internationalen Wettbewerb! Daher wiegt ein innovatives Umfeld im WEF-Index gleich 15 Prozent.  Und daher finden sich unter den Top 10 der wettbewerbsfähigen Länder auch gleich sechs europäische. Dazu kommen noch drei asiatische Länder, in denen etwa Erdgas noch viel teurer ist als in Europa.

 

Wenn Europa die Industrie zurückholen möchte, ist billige Energie daher die völlig falsche Strategie! Die ehrgeizigen europäischen Klimaziele für 2020 haben dazu geführt, dass die EU Japan, den Spitzenreiter bei neuen Patentanmeldungen grüner Technologien, praktisch eingeholt hat. Lichtjahre vor den USA oder anderen Weltregionen. Windkraft, Photovoltaik und neue Energiespeichtechnologien beflügeln Europas Forschung. Wenn wir für 2030 nun lockerer lassen, droht diese Dynamik wieder verloren zu gehen!

 

Für eine Reindustrialisierung braucht es laut DIW vielmehr einen starken Fokus auf Energieeffizienz und wirksame Anreize für Innovationen im Energie- und Klimabereich. Und vor allem braucht es eine verlässliche Klimapolitik. Wenn sich die Industrie darauf verlassen kann, dass Europa den eingeschlagenen Weg des Klimaschutzes unbeirrt weitergeht, wird sie sich auch nicht von dauerhaft höheren Energiepreisen vertreiben lassen. Denn höhere Energiepreise führen zu einer effizienteren Nutzung von Energie. Damit sich Energieeffizienz-Investitionen für die Industrie aber auch lohnen, darf es keinen Zickzack-Kurs beim Klimaschutz geben! Denn über billige Energie freuen sich vielleicht die einzelnen Unternehmen, von einem klaren Kurs beim Klimaschutz profitiert Europas Industrie hingegen langfristig.

 

 

Zum Nachlesen:

DIW-Wochenbericht Nr. 6.2014 - Enerige- und Klimapolitik: Europa ist nicht allein

geändert am 06.07.2015