Videos: Ein neues Stromsystem für die Energiewende.

Foto: ÖKOBÜRO

Hier finden Sie einen Video-Rückblick auf die ÖKOBÜRO-Konferenz "Ein neues Stromsystem für die Energiewende". Die Präsentationen als PDF finden Sie hier.

 

Zu Beginn der Veranstaltung erörterte ÖKOBÜRO-Geschäftsführer Thomas Alge die zentralen Fragen unserer Allianz der Umweltbewegung, der unter anderem Greenpeace, GLOBAL 2000, WWF und das Klimabündnis angehören: Welchen Netzausbau braucht die Energiewende tatsächlich, wieviel Netzausbau ist vertretbar und wie sehen mögliche Alternativen aus? Um diese Fragen zu klären und einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber zu erzielen, forderte er die konsequente Umsetzung von Strategischen Umweltprüfungen (SUP) am Runden Tisch. Energiewirtschaft, Verwaltung und Umweltorganisationen sollten so die Grundlage für die Neuentwicklung des Stromnetzes liefern.

 

Video Eröffnung Thomas Alge

 

 

Der zweite Eröffnungsredner, der Vorstandsvorsitzende der Kapsch AG und Präsident der Industriellenvereinigung Georg Kapsch, betonte vor allem den Wert einer sicheren und leistbaren Energieversorgung für den Wirtschaftsstandort Europa. Österreichs Industrie sei bereits überdurchschnittlich energieeffizient, trotzdem sei es das deklarierte Ziel auch bei weiterem Wachstum absolut weniger Energie zu verbrauchen. Auch wenn er so manche Frage anders beurteile, freue er sich, dass ÖKOBÜRO mit der Industrie in einen Dialog trete, um konkrete Lösungen zu finden.

 

Video Georg Kapsch

 

 

Die erste Keynote zu den Chancen der Energiewende in Österreich hielt der Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control Austria: Martin Graf. Graf betonte, dass Energie ein europäisches Thema sei. Die verschiedenen Länder hätten jedoch unterschiedliche Voraussetzungen und Ziele bei Energie und Strom im Speziellen. Es brauche daher eine abgestimmte europäische Energiepolitik, aus der einzelne Staaten nicht kurzfristig ausscheren dürften. In Folge bot Graf einen Überblick über die Entwicklung des Ökostromanteils in Österreich und stellte die -- anschließend heftig diskutierte Frage in den Raum, ob die Förderung Erneuerbarer Energie reformiert werden solle.

 

Video Martin Graf

 

 

Hubert Fechner, Leiter des Instituts für Erneuerbare Energie der FH Technikum Wien, beschrieb in der zweiten Keynote, wie die Energiewende unser Energiesystem verändern werde. Laut Fechner seien Windkraft und Photovoltaik europaweit die am raschesten wachsenden Stromerzeugungsmethoden. Angela Merkel hätte hingegen 1994 als damalige Umweltministerin prophezeit, dass Sonne, Wind und Wasser nie mehr als 4 Prozent des deutschen Strombedarfs decken könnten. Dieser Aussage von vor 20 Jahren stellte Fechner das neue Ziel der deutschen Bundesregierung gegenüber: 80 % Ökostrom bis 2050. Dass dieses Ziel erreichbar ist, belegte er gleich im Anschluss: Am 16. Juni 2013 hätten deutsche Windkraft- und Photovoltaikanlagen 61 % des landesweiten Bedarfs produziert -- die gleiche Menge, die etwa 25 Atomkraftwerke erzeugt hätten. Zudem lieferte Fechner eine Replik auf Grafs Vorschlag aus der ersten Keynote, mehr Wettbewerb in die Förderung der Erneuerbaren zu bringen: Europaweit würden Atomkraft und fossile Energieträger dreimal so stark gefördert wie Erneuerbare.

 

Video Hubert Fechner

 

 

Diskussion zu den Keynotes von Martin Graf (E-Control Austria) und Hubert Fechner (FH Technikum Wien) unter der Leitung von Johannes Kaup.

 

Diskussion Graf/Fechner

 

 

Im ersten Inputreferart über das Stromsystem der Zukunft forderte Ulfert Höhne, designierter Vorstand der Hamburger Ökostromgenossenschaft Greenpeace Energy eG, vor allem mehr Mut im Zusammenhang mit der Energiewende. Es gebe bereits heute Ideen und Startup-Unternehmen, die konkrete Chancen wahrnehmen würden. Höhne zog den Vergleich mit einem Korallenriff. Dort sei das Wasser unglaublich rein, weil jede Fischart eine andere Nische besetze um Nährstoffe aus dem Wasser zu filtern. Genau diese Vielfalt bräuchte auch die Energiewende. Es sei nicht die eine große neue Lösung gefragt, sondern zahlreiche Maßnahmen, die für sich betrachtet nur einen kleinen Teil abdecken, aber zusammen das neue Energiesystem bilden würden. So könne eine solare Zukunft entstehen, in der mit Hilfe technischer Lösungen moderne und saubere Städte mit effizienten Industrien blühen.

 

Video Ulfert Höhne

 

 

Helfried Brunner vom Austrian Institute of Technology (AIT) präsentierte die Ergebnisse, die die Forschung bereits aus der Praxiserprobung von Smart Grids gewinnen konnte. Bei Smart Grids wird mit Hilfe von Messungen und intelligenten Steuerungen die verfügbare Kapazität von Stromleitungen erhöht. Auf diese Weise können Netzausbauten vor allem im Nieder- und Mittelspannungsnetz teilweise vermieden werden - trotzdem ist der Anschluss zusätzlicher Ökostromanlagen weiterhin möglich. Die in Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich eingerichteten Modellregionen bewähren sich in der Praxis tadellos. Ohne Neubau konnten dort die Leitungskapazitäten für zusätzliche Ökostromeinspeisungen gehoben werden. Je nach untersuchter Problemlage konnten die Kosten zwischen 5 und 80 % gegenüber dem klassischen Leitungsbau reduziert werden.

 

Video Helfried Brunner

 

 

Zwar grundsätzlich positiv, aber doch etwas nüchterner als Helfried Brunner (Input 2) betrachtete Walter Tenschert, Geschäftsführer der Netz OÖ GmbH die Ergebnisse des AIT in der oberösterreichischen Modellregion. Die Netz OÖ ist vor allem mit hoher Photovoltaik-Einspeisung im ländlichen Niederspannungsnetz konfrontiert. Die Gefahr zu hoher Spannung gelte es zu minimieren. Dazu brauche es einen ganzen „Bauchladen" an Lösungen, da die einzelnen Netzabschnitte sehr unterschiedlich seien. Die verschiedenen Smart Grid-Technologien könnten dabei gute Beiträge leisten -- allerdings seien sie heute noch zu wenig robust und zudem teurer als der konventionelle Netzausbau. Sie bräuchten noch Zeit, um beständiger und wirtschaftlicher zu werden. Allerdings habe man in der Modellregion festgestellt, dass ein sehr hohes Potential in der Vermeidung von extremen Stromlasten liege. Bei Bedarf könne man -- wenige Stunden im Jahr -- die Einspeisung von Photovoltaikanlagen begrenzen. Der Verlust an Jahresenergie läge bei wenigen Prozentpunkten. Dieser Weg sei aber derzeit noch nicht durch das Regelwerk der E-Control Austria gedeckt.

 

Video Walter Tenschert

 

 

Publikumsdiskussion mit Ulfert Höhne (Greenpeace Energy), Helfried Brunner (AIT) und Walter Tenschert (Netz OÖ GmbH) unter der Leitung von Johannes Kaup.

 

Diskussion Höhne/Brunner/Tenschert

 

 

Christian Schober, Geschäftsführer der Kapsch Smart Energy, präsentierte Smart Meter als ein Werkzeug, das intelligente Stromlösungen im Haushalt ermögliche und dank Laststeuerung das Stromnetz entlasten könne. Denn nicht nur die Einspeisung von Windkraft und Photovoltaik hänge an den Wetterbedingungen, auch die Lastprofile der Haushalte würden sich mit Voranschreiten der Elektromobilität zunehmend verändern. Daher müssten intelligente Systeme die Energie möglichst ressourcenschonend verteilen. Zudem seien die Netzbetreiber derzeit im Niederspannungsbereich im Blindflug unterwegs. Stromausfälle könnten erst dann bemerkt werden, wenn die KundInnen das meldeten. Mit Smart Metern erhielte das System eine höhere Transparenz und Störungen könnten sofort registriert werden. Zugleich käme diese Transparenz auch den Haushalten zu Gute, da sie jederzeit ihren tatsächlichen Stromverbrauch im Blick behielten. Die vor einiger Zeit noch sehr großen Ängste bezüglich des Datenschutzes hätten sich zum Glück wieder stark gelegt, da die in Österreich geltenden Rechtsvorschriften sehr streng seien.

 

Video Christian Schober

 

 

Für den Leiter der Strategic Affairs beim Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid (APG) Christoph Schuh täte es dem Gesamtstromsystem gut, wenn alle Beteiligten einen Blick auf das Ganze werfen und ihre Rollen darin analysieren würden. Denn die APG sei für das Funktionieren dieses Systems gesetzlich letztverantwortlich, müsse aber dabei auf Entscheidungen reagieren, die andere Beteiligte fällen. Zudem sah Schuh ein Problem darin, dass es in der Vergangenheit nicht gelungen sei, den Menschen die Zusammenhänge im System näher zu bringen. Die Folgen seien mangelnde Akzeptanz für Infrastrukturvorhaben und ein entsprechender Widerstand in der Bevölkerung. Daher müssten Projektbetreiber neue Wege gehen. Man dürfe nicht hoffen, dass Pläne möglichst lange unentdeckt bleiben, sondern müsse sie öffentlich diskutieren, ja sogar gemeinsam entwickeln, sodass im Anschluss ein für alle zufriedenstellender Konsens erreicht würde. Die APG fordert daher einen Masterplan Strominfrastruktur, der unter breiter Stakeholder- und Öffentlichkeitsbeteiligung entworfen werden soll. Dabei seien gemeinsam Ziele zu definieren sowie Projekte, die für deren Erreichung notwendig seien. Dieser Prozess solle darüberhinaus alle fünf Jahre wiederholt werden.

 

Video Christoph Schuh

 

 

Die Landschaftsplanerin Kerstin Arbter präsentierte im Anschluss ein Konzept, das den Masterplan Strominfrastruktur (Input 5 von Christoph Schuh, APG) in der Praxis umsetzen könnte. Arbter hat 1999 für den Abfallwirtschaftsplan der Stadt Wien die Umsetzung einer „Strategischen Umweltprüfung (SUP) am Runden Tisch" entwickelt und in der Praxis durchgeführt. In dieser SUP sollte geklärt werden, ob Wien eine umstrittene dritte Müllverbrennungsanlage braucht, welche Kapazität diese haben, und welche Technologie zum Einsatz kommen soll. Ausserdem wurden mögliche andere Alternativen diskutiert. Dem SUP-Kernteam gehörten damals Beamte verschiedener Magistratsabteilungen, ÖKOBÜRO und einige andere Umweltorganisationen sowie neutrale ExpertInnen verschiedener Universitäten an. Auf Grundlage dieses SUP-Plans wurde später eine konkrete Projektplanung für die Müllverbrennungsanlage Simmering durchgeführt, die während der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) kaum noch Widerstand erzeugte. Alle strittigen Fragen waren in der SUP transparent geklärt worden. Seither wird diese Abfallwirtschafts-SUP alle fünf Jahre von der Stadt Wien durchgeführt und Kerstin Arbter konnte die Beteiligungselemente noch ausweiten und verfeinern. Sie ist davon überzeugt, dass man mit diesem Konzept auch Stromleitungsprojekte auf ihre Legitimität für die Energiewende prüfen und damit gegebenenfalls die Akzeptanz in der Bevölkerung heben kann.

 

Video Kerstin Arbter

 

 

Publikumsdiskussion mit Christian Schober (Kapsch Smart Energy), Christoph Schuh (Austrian Power Grid) und Kerstin Arbter unter der Leitung von Johannes Kaup.

 

Diskussion Schober/Schuh/Arbter

 

 

Podiumsdiskussion mit Gerhard Christiner (Austrian Power Grid), Klaus Bernhardt (Technologieplattform Smart Grids), Jurrien Westerhof (Erneuerbare Energie Österreich), Walter Tenschert (Netz OÖ GmbH) und Reinhard Uhrig (GLOBAL 2000/ÖKOBÜRO) unter der Leitung von Johannes Kaup.

 

TEIL 1: Diskussion Christiner, Bernhardt, Westerhof, Tenschert & Uhrig

 

 

TEIL 2: Diskussion Christiner, Bernhardt, Westerhof, Tenschert & Uhrig

 

 

geändert am 20.07.2015